"Als stünde es auf meiner Stirn geschrieben"

Freitag, 13. Apr. 2018
Begegnungsabend mit Elvan Göktas

So heisst das Buch, das Elvan Göktas geschrieben hat und aus dem sie liest am Abend des 13. April im Pfarreizentrum Heilig Geist. In jedem Moment ist spürbar, dass nicht nur ihre Lebensgeschichte Elvan Kraft gekostet hat, sondern auch, diese Geschichte jetzt den 50 Anwesenden, überwiegend „Einheimische“, zu erzählen. Ein Leben, in dem Fremdbestimmung, Erfahrungen von „nicht dazu gehören“ und Scham eine grosse Rolle spielen. Behutsam moderiert von Priska Alldis von der Fachstelle Flüchtlinge der Caritas, erleben die Zuhörenden noch einmal mit, wie Elvan Göktas als elfjähriges Kind die Flucht mit ihren Eltern erfahren hat: wie ihr kaum etwas gesagt wurde darüber, warum sie von ihrer Heimat, ihren Wurzeln abgeschnitten wurde, welche Unsicherheit und Angst sie deshalb und während des Grenzübertritts bei Mondschein mit einem Drogensüchtigen auszuhalten hatte, wie ihre Eltern sich nie integrieren konnten, wie Elvan als Älteste von drei Kindern anstelle ihrer Eltern Briefe schreiben und mit Behörden sprechen musste und Verantwortung für die Familie übernehmen musste, wie sie ohne ihre Geschichte zu berücksichtigen trotz ihres Lerneifers zur Realschule geschickt wurde und nie darauf hingewiesen wurde, dass sie den Schultyp wechseln könnte…. Hobbies, in Ferien zu fahren, oder ein Instrument zu erlernen - vieles, was für andere Kinder selbstverständlich war, blieb für Elvan unerreichbar.

Zusammen mit der Isoliertheit und Traurigkeit ihrer Eltern lösten diese Erfahrungen das Gefühl aus, als Mensch zweiter Klasse zu gelten, nicht dazu zu gehören. Doch zu ihrem Glück gab es auch eine Lehrerin, die sich auch privat Zeit für Elvan nahm, so dass sie gut Deutsch und vieles über die Kultur der Schweiz lernte. Beeindruckend ist, wie Elvan von Anfang an kämpft, um gesehen zu werden, um in Kontakt mit „Einheimischen“ zu kommen, wie sie rückblickend zwar das Verhalten vieler Behörden und „Einheimischer“ kritisch  beleuchtet, aber nie der Eindruck aufkommt, das sie auf Ablehnung mit Verachtung oder gar Hass reagiert. Vielmehr lernt Elvan z.B. mit der Zeit die hiesige Zurückhaltung, die sie anfangs als kaltherzig empfindet, als Respekt vor der Privatsphäre umzudeuten und zu schätzen. So wird ihr Entschluss verständlich, dass sie in dem Land Wurzeln fassen will, in dem sie schon lange lebt, dass sie die Schweiz als ihre Heimat sieht und „eine von hier“ sein möchte. Und sie erlebt seitdem ein grösseres Interesse, eine stärkere Zuwendung vieler Menschen – diesen Willen, sich zu begegnen, voneinander zu lernen, empfiehlt sie Geflüchteten wie Einheimischen.

Ihre Erfahrungen, gerade auch die leidvollen, helfen Elvan Göktas heute als Betreuerin minderjähriger Flüchtlinge, sich in deren Gefühlswelt hinein zu versetzen. Sie möchte ihnen die Aufmerksamkeit geben, die ihr selbst lange gefehlt hat, und zugleich empfindet sie das Schweizer Asylrecht als hart, aber gerecht und sieht für manche Menschen bessere Chancen, sich ein eigenes, nicht fremdbestimmtes Leben aufzubauen, wenn sie mit finanzieller Starthilfe und Beratung in ihr Heimatland zurückkehren um dort mit einem begleiteten Berufsprojekt ihr Leben zu bestreiten.  Deshalb ist die Kollekte dieses Abends auch für das entsprechende Hilfswerk der UNO, IOM mit Hauptsitz in Genf, bestimmt.

Im anschliessenden Gespräch zeigt sich, wie beeindruckt viele Zuhörende von der spürbaren Energie und Kraft sind, mit der Elvan Göktas ihren Weg gegangen ist, auch von ihrer Menschenfreundlichkeit, die sich auch äussert, als sie ihren alevitischen Glauben so zusammenfasst, dass sie jeden Menschen (unabhängig von seiner Religionszugehörigkeit) als „Gottes Geschöpf“ sieht und so behandelt. Mit ihrer Aussage, das Schweizer Asylrecht sei gerecht, sind hingegen nicht alle Anwesenden einverstanden. So bleibt beim feinen Nachtessen, dass die Familie Salloum zubereitet hat, viel Gesprächsstoff und Gelegenheit zur Begegnung.

Matthias Braun